Ein Nachmittag im Brauerei-Gasthaus Rittmayer in Aisch – Eine Zeitreise durch 600 Jahre fränkische Brautradition
Der Landstraße folgend, die sich durch das malerische Aischtal schlängelt, erreiche ich das idyllische Dorf Aisch, einen Ortsteil von Adelsdorf. Die fränkische Landschaft liegt in warmem Spätsommerlicht, Maisfelder rascheln sanft im Wind, und die Silhouetten der Häuser zeichnen sich gegen den blauen Himmel ab. Dann sehe ich es: das traditionelle Fachwerkgebäude an der Aischer Hauptstraße 5, das Schild mit dem stolzen Rittmayer-Wappen über dem Eingang – ich bin angekommen.
Noch bevor ich die Schwelle überschreite, umfängt mich ein vertrautes Gefühl. Die über 600-jährige Geschichte dieses Ortes ist fast greifbar. 1422 – das Jahr, in dem die Familie Rittmayer vom Markgrafen Friedrich IV. das Braurecht erhielt – liegt zeitlich unvorstellbar weit zurück, doch hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Ich betrete den Gastraum und werde sofort von einer Wärme empfangen, die nicht nur von der Holzofenheizung herrührt.
Der Duft ist überwältigend: Malz und frisch gebackenes Brot mischen sich mit den herzhaften Aromen der fränkischen Küche. Ein Hauch von Hopfen liegt in der Luft – nicht aufdringlich, sondern wie ein Versprechen dessen, was mich erwartet. Die Holzbalkendecke über mir ist dunkel gebeizt, die Wände geschmückt mit alten Brauerei-Utensilien, Kupferkesseln und historischen Fotografien, die die lange Familientradition erzählen. Das Klappern von Keramiktellern und das gedämpfte Murmeln der Gäste erfüllen den Raum wie eine wohltuende Melodie.
Ich finde einen Platz an einem rustikalen Holztisch, dessen Oberfläche von Jahrzehnten der Nutzung geschliffen und geölte ist. Die Holzmaserung fühlt sich glatt und lebendig an unter meinen Fingern, als würde sie die Geschichte aller Gäste vor mir erzählen. Ein freundlicher Wirt – Thomas Rittmayer selbst, wie ich später erfahre – kommt an meinen Tisch. Seine Handschrift ist unverkennbar fränkisch: unkompliziert, herzlich, authentisch.
„Ein Seidla Hausbrauer?“ fragt er, und ich nicke begeistert. Dieses Bier ist etwas ganz Besonderes: naturtrüb, ungespundet, gezapft ohne Kohlensäure – so wie es die Tradition vorsieht . Während er zum Zapfhahn tritt, beobachte ich fasziniert die Szenerie. Durch eine offene Tür zum Brauereitrakt hindurch erkenne ich die kupfernen Anlagen, die im Halbdunkel golden schimmern. Die Brauerei hier in Aisch ist klein, fein und traditionsbewusst – sie braut ausschließlich für den eigenen Gasthof und die sogenannten „Hausbrauer“, die Mitglieder der Brauereigenossenschaft, die jeden Mittwoch ihr frisch gebrautes Bier abholen dürfen .
Das Bier kommt. Im kräftigen Steinkrug, dem traditionellen „Seidla“, präsentiert es sich trüb-bernsteinfarben, mit einer cremigen Schaumkrone, die nach frischem Hefeteig duftet. Ich hebe den Krug, spüre das angenehme Gewicht in der Hand, und beim ersten Schluck explodiert ein Feuerwerk der Aromen auf meiner Zunge: malzig-süß, leicht brotig, mit einer dezente Hopfenbittere, die den Abgang trocken und süffig gestaltet. Es ist kühl, aber nicht eiskalt – genau richtig, um die volle Aromenentfaltung zu ermöglichen. Ein Stück fränkische Kultur, gebraut nach dem Reinheitsgebot von 1516, fließt hier über meine Lippen.
Während ich genieße, schweifen meine Gedanken. 1648 – das Jahr, in dem Wilhelm Rittmayer und seine Frau Helene erstmals als Besitzer des Gasthauses und der Brauerei in Aisch erwähnt werden . Wie viele Generationen haben hier schon gesessen, dieses Bier getrunken, ihre Geschichten erzählt? Der Gedanke verbindet mich mit einer Kontinuität, die in unserer schnelllebigen Zeit fast unvorstellbar scheint. Die Familie Rittmayer, die zwischen Hallerndorf, Willersdorf und Aisch wanderte, um die Brauereitradition am Leben zu erhalten , hat hier in Aisch eine zweite Heimat gefunden.
Mein Blick fällt auf die Speisekarte. Die fränkische Küche ist bekannt für ihre bodenständige Ehrlichkeit, und auch hier wird diese Tradition gepflegt. Ich entscheide mich für eine Brotzeit – Hausmacher Leberwurst, frisch vom Metzger, dazu ein krosses Malzschrotbrot aus dem Holzbackofen und ein paar saure Gurken. Als der Teller kommt, ist die Anrichtung schnörkellos: großzügige Scheiben der dunklen Wurst, das Brot noch warm, die Rinde knusprig, das Innere saftig. Der erste Bissen ist eine Symphonie aus Textur und Geschmack: die feine Körnung der Wurst, die würzige Note des Majorans, das nussige Aroma des frisch gebackenen Brotes.
Durch das Fenster sehe ich in den Biergarten hinaus. Unter alten Kastanienbäumen sitzen Familien, Freunde, Einheimische und Durchreisende gemischt an langen Holzbänken. Kinder spielen auf dem Rasen, eine ältere Dame füttert zutrauliche Spatzen mit Brotkrumen. Die Szenerie strahlt eine Gelassenheit aus, die ansteckend ist. Ich spüre, wie meine Schultern sinken, wie der Alltagsstress abfällt wie ein zu enger Mantel. Hier zählt der Moment, das Bier, die Gemeinschaft.
Ein zweites Seidla wird gebracht, diesmal ein dunkleres Kellerbier. Es riecht nach Karamell und dunklem Toastbrot, schmeckt kräftiger, komplexer, mit Noten von Trockenobst und einer angenehmen Röstbittere. Ich schließe die Augen einen Moment und lausche den Geräuschen: das leise Plätschern eines Brunnens im Garten, das Lachen einer Gruppe am Nebentisch, das Klirren von Bierkrügen, die anstoßen. „Prosit!“ – der fränkische Gruß hallt durch den Raum.
Die Nachmittagssonne steht tiefer, wirft lange Schatten durch die Fenster. Ich merke, wie die Zeit hier anders verläuft – nicht linear und gehetzt, sondern zyklisch, getaktet von den Brautagen und den Jahreszeiten. Noch heute wird hier überwiegend Hausbrauer-Bier gebraut, jeweils am Mittwoch frisch für die Mitglieder abgegeben . Diese Verbindung zwischen Brauer und Gast, zwischen Handwerk und Genuss, ist in der modernen Getränkewelt zu einem Rare geworden.
Als ich später aufstehe, um mich zu verabschieden, spüre ich eine seltsame Mischung aus Sättigung und Sehnsucht. Sättigung des Körpers durch gutes Essen und besseres Bier, Sehnsucht der Seele, diesen Moment festzuhalten. Der Wirt reicht mir die Hand, fest und kallös – die Hand eines Mannes, der weiß, was Arbeit bedeutet. „Komm wieder“, sagt er, und ich weiß, dass ich das tun werde.
Draußen angekommen, atme ich die frische Landluft ein. Die Abenddämmerung färbt den Himmel in sanften Rosatönen. Ich drehe mich noch einmal um, betrachte das stattliche Haus mit seinem charakteristischen Satteldach und den traditionellen Fensterläden. Hier, an der Aischer Hauptstraße 5, inmitten der fränkischen Schweiz, habe ich nicht nur ein Gasthaus besucht – ich habe einen Ort der Zeitlosigkeit erlebt, wo 600 Jahre Brautradition in jedem Schluck Bier und jedem Bissen Brot lebendig werden.
Weitere Informationen findet Ihr unter: http://s656535596.website-start.de/brauerei/

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