Der Motor meines Motorrads verstummt, und plötzlich liegt eine Stille über dem Tal, die ich zunächst gar nicht richtig wahrnehme. Ich stehe vor einem rustikalen Sandsteinbau, dessen Fassade vom warmen Spätnachmittagslicht in ein goldenes Orange getaucht wird. Ein gewölbtes Schild aus rostfarbenem Metall prangt über dem Eingang: „Kathi-Bräu – Brauerei K. Meyer“ – die gotischen Lettern wirken, als kämen sie direkt aus einer anderen Zeit. Efeu rankt sich an den Wänden empor, und der verwitterte Putz erzählt von Jahrhunderten, die hier gelebt, gelacht und gebraut wurden.
Ich öffne die schwere Holztür, und sofort schlägt mir eine Welle wohltuender Wärme entgegen – nicht nur die physische Hitze des Holzofens, sondern eine Atmosphäre, die mich buchstäblich umarmt. Der Geruch von frisch gebackenem Brot, angeräuchertem Schinken und dem unverwechselbaren Malzaroma von frisch gezapftem Bier mischt sich zu einem Duft, der meine Sinne sofort wach werden lässt. Es riecht nach Tradition, nach ehrlicher Handarbeit, nach einem Stück Franken, das sich der modernen Welt widersetzt.
Die Gaststube ist kleiner, als ich erwartet habe – gemütlich, fast familiär. An den Holzwänden hängen alte Bilder, und mein Blick bleibt an einem Porträt hängen: Johann Wolfgang von Goethe. Ein Gedanke blitzt durch meinen Kopf – was hat der große Dichter hier zu suchen? Doch dann erinnere ich mich an die Geschichte: Caroline von Aufseß zu Heckenhof war mit ihm befreundet, und dieser Schaukelstuhl in der Ecke, der aussieht wie ein Museumsexponat, soll tatsächlich einmal ihm gehört haben. Ich lächle bei dem Gedanken, dass ich vielleicht auf demselben Holz sitze, auf dem einst der Faust-Dichter seine Gedanken schweifen ließ.
Ich finde einen Platz an einem der schweren Holztische. Das Holz ist dunkel und glatt geschliffen von Jahrzehnten Benutzung, die Ränder abgerundet von tausenden Ellbogen, die sich hier ausgeruht haben. Um mich herum herrscht ein buntes Durcheinander: An einem Tisch sitzen Wanderer mit ihren Stöcken und Rucksäcken, die gerade den Brauereienweg beendet haben; an einem anderen Tisch feiern Motorradfahrer in Lederkombis lautstark ihre Ankunft; und dort in der Ecke, ganz still und zufrieden, nippt ein älteres Ehepaar an ihren Bierkrügen. „Hier ist jeder gleich“, hatte ich gelesen, und jetzt verstehe ich, was das bedeutet.
Die Wirtin kommt zu meinem Tisch – freundlich, unkompliziert, ohne viel Federlesen. „Was darf’s sein?“ Ihr Akzent ist so bodenständig wie das Bier, das sie mir später bringt. Ich bestelle eine Brotzeitplatte und ein Dunkles. Während ich warte, lausche ich den Geräuschen um mich herum: Das Klappern von Bierkrügen, das gedämpfte Murmeln von Gesprächen, das Knacken des Holzes im Ofen und draußen das leise Rauschen des Windes in den alten Bäumen des Biergartens. Es ist ein Konzert der Gemütlichkeit, das keine moderne Hintergrundmusik nötig hat.
Dann steht es vor mir – das Bier. Dunkel, fast rubinrot im Licht, mit einer cremigen Schaumkrone, die wie eine kleine Wolke auf dem Krug schwebt. Ich hebe ihn an, spüre das kühle Porzellan an meinen Lippen, und beim ersten Schluck explodiert ein Feuerwerk von Aromen auf meiner Zunge: Malzig, nussig, leicht karamellisiert, aber erfrischend und süffig. Das ist kein industrielles Massenprodukt – das schmecke ich sofort. Dieses Bier hat Geschichte, hat Charakter. Es wurde hier gebraut, nur wenige Meter entfernt, in einer Brauerei, die auf eine Tradition zurückblickt, die bis ins Jahr 1498 reicht, als dieses Anwesen noch ein Schloss war und Balthasar von Aufseß hier sein Lehen verwaltete. Die Brotzeitplatte ist eine Kunstwerk für sich: Dicke Scheiben hausgemachtes Bauernbrot, handgeschnittener Schinken mit Fettrand, würziger Leberkäse, selbstgemachte Presssack, dazu ein Klecks Meerrettich und saure Gurken. Ich beiße hinein, und der Geschmack ist so intensiv, so echt, dass ich für einen Moment die Augen schließe. Diese Einfachheit ist es, die hier überzeugt – keine molekulare Küche, keine fancy Präsentation, nur gute, ehrliche Produkte.
Ich trete später in den Biergarten hinaus. Die Sonne steht tief und malt lange Schatten über die rustikalen Holzbänke. Der Garten ist nicht angelegt, er ist gewachsen – alte Kastanienbäume spenden Schatten, Blumenkübel aus alten Bierfässern säumen den Weg. Am Nachbartisch sitzen zwei Motorradfahrer, die gerade ihre Tour durch die Fränkische Schweiz beenden. „Das ist unser Mekka“, sagt einer von ihnen zu mir, als er meinen Blick bemerkt. „Hierher kommen wir seit zwanzig Jahren. Es hat sich nichts verändert – und das ist gut so.“
Ich nicke und spüre, wie eine tiefe Zufriedenheit sich in mir ausbreitet. Dieser Ort ist ein Zeitzeuge, ein Museum des Genusses, in dem man nicht nur Bier trinkt, sondern Geschichte erlebt. Die Geschichte von Kathi Meyer, die diese Brauerei über Jahrzehnte leitete, bis zu ihrem Tod 1993, und die diesem Ort seinen Namen gab. Die Geschichte von Josef Schmitt, ihrem Braumeister, der das Erbe weitergab. Und jetzt Alois Schmitt, der die Tradition fortführt. Als ich später aufstehe, um zu gehen, spüre ich die müde Zufriedenheit eines guten Essens und eines noch besseren Biers. Ich werfe einen letzten Blick auf Goethes Porträt an der Wand und muss lächeln. „Hier warst du also“, denke ich. „Hier hast du gesessen, gegessen, getrunken – und vielleicht auch gedichtet.“
Draußen drehe ich mich noch einmal um. Das rostige Schild glänzt im Abendlicht. Kathi-Bräu. Ein Name, der nach Legende klingt. Und genau das ist es auch.
Weitere Informationen findet Ihr unter: https://www.kathibraeu.de

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